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In Zusammenarbeit mit dem HERZOG Kultur- & Stadtmagazin.

Predigt: Dr. Udo Lenzig

Liebe Christinnen, liebe Christen,

jedes Jahr bekomme ich zum Geburtstag – ich habe im November Geburtstag –den sog. „Anderen Adventskalender“ geschenkt: Für jeden Tag im Dezember findet sich in diesem Kalender ein origineller Text, mal eine Geschichte, mal ein Gedicht, mal traurig, mal heiter, aber immer nachdenkenswert, immer irgendwie „anders“. Und an manchen Geschichten bleibe ich buchstäblich hängen. So geschehen vorgestern, bei dem Text vom 22. Dezember. Er trägt die Überschrift: „Die Ahnung vom Frieden“. Der Autor erzählt in diesem Text,

dass das Weihnachtsfest ihn jedes Jahr tief bewegt, und zwar genau drei Minuten und 48 Sekunden lang! Drei Minuten und 48 Sekunden machen für ihn den Zauber der Weihnacht aus, lassen sein Herz höher schlagen, flüstern ihm die Ahnung vom Frieden zu, lassen ihn an ein neugenborenes Kind denken, auf dessen Schultern die Wünsche und Sehnsüchte einer ganzen Welt liegen. Und diese drei Minuten und 48 Sekunden beginnen genau um Null Uhr in der Heiligen Nacht, lange nach dem Gottesdienst, lange nach der Bescherung, lange nach dem Festessen: Dann nämlich, um Mitternacht, lässt der DJ seines Lieblingsradiosenders Jahr für Jahr ein besonderes Lied laufen: eine extrem langsam gesungene englische A-Capella-Version des Liedes „Stille Nach, Heilige Nacht“ von Sinead O’Connor. Und der Autor beschließt seinen Artikel mit den Worten: „Diese drei Minuten und 48 Sekunden sind mein ganz persönliches Glaubensbekenntnis. Jahr für Jahr. Neu.“

Nach dem Lesen dieses Textes fragte ich mich:  Wann werde ich eigentlich bewegt von Weihnachten? Was muss passieren, damit für mich der Zauber der Heiligen Nacht aufleuchtet, damit für mich wirklich Weihnachten ist? Ich habe diese Frage dann vielen Freunden und Wegegfährten vorgelegt und wunderbare, berührende Antworten erhalten. Hier eine kleine Auswahl:

  • Weihnachten ist für mich, wenn ich die alte Krippe aufbaue. Die stammt noch aus der Kindheit meines Vaters, von 1920, da war er 6 Jahre alt. Als Kind habe ich sie immer mit ihm zusammen aufgebaut. Und heute erfreue ich mich jedes Jahr neu daran.
  • Den Zauber der Weihnacht verspüre ich auf dem Weg zur Christmette. Da bin ich voller Ruhe und Dankbarkeit und ich spüre, dass ich mich nicht alleine durchs Leben tragen muss.
  • Für mich ist Weihnachten, wenn ich im Weihnachtsgottesdienst „Stille Nacht, Heilige Nacht“ singe. Obwohl ich das Lied noch nie mitsingen konnte, weil ich an der Stelle immer weinen muss.
  • Weihnachten beginnt für mich, wenn wir zu Hause, nach dem Gottesdienst, als Familie die Kerzen am Chritsbaum entzünden. Dieses Licht ist durch nichts zu toppen. Dann ist wirklich Weihnachten.
  • Am ersten Weihnachtstag, wenn alle noch schlafen, stehe ich sehr früh auf, entzünde die Kerzen am Weihnachtsbaum und setze mich alleine mit einer Tasse Kaffee davor. Diese Ruhe, dieser Friede, dass ist für mich Weihnachten.
  • Mir sind ganz wichtig die Briefe und Karten, die ich zu Weihnachten versende und erhalte. Ich freue mich über die vielen Verbindungen zu Menschen, die mir wichtig sind und denen ich etwa bedeute. Diese Weihnachtspost hänge ich an Bändern auf an der Stubentür. Ich schaue oftmals hin und fühle mich mit vielen lieben Menschen verbunden.

Diese Sätze lassen mich spüren, wie tief und nachhaltig uns das Weihnachtsfest bewegt! Einige Politiker fanden angesichts der globalen Katastrophe wenig Verständnis dafür, das Weihnachtsfest angesichts der Krise besonders zu berücksichtigen. Aber es geht wohl nicht anders: An diesem Fest kommt man nicht vorbei. Weihnachten ist ein Thema! Weihnachten berührt! Weihnachten verändert! Es wird erzählt, dass im Ersten Weltkrieg an Weihnachten die Waffen schwiegen, Soldaten die Schützengräben verließen und gemeinsam mit ihren Gegnern Weihnachtslieder sangen. Eine Ahnung vom Frieden!

Jeder Weihnachtsgottesdienst, der in diesen Tagen gefeiert wird, egal ob online oder als Präsens-Gotteshaus, ist ein Zeichen der Hoffnung – und deshalb absolut systemrelevant, gerade weil wir in schwierigen Zeiten leben. Weihnachten bringt die zarten, die stillen Saiten in uns zum klingen. Das Kind in der Krippe, es erinnert uns daran, wie weich, wie verletzlich, ja, wie menschlich wir sind unter der oft harten Oberfläche von Erfolg, Macht und Geld. Und wie wenig es braucht, damit wirklich Weihnachten ist. Das fällt mir in diesem Jahr besonders auf, in dem Vieles, was wir traditionell mit Weihnachten verbinden, nicht möglich ist: das gemütliche Shoppen in der Fußgängerzone, das Glühweintrinken mit Freunden auf dem Weihnachtsmarkt, die Weihnachtsfeier im Betrieb, das Versammeln der Familie um eine Festtagstafel, das Krippenspiel im Familiengottesdienst, das gemeinsame Singen in der Christmette …  all das ist in diesem Jahr nicht unbeschwert möglich. Aber die gute Nachricht ist: Weihnachten findet trotzdem statt. Weil wir spüren, dass es um all das eigentlich nicht wirklich geht: Das Shoppen, der Glühwein, die Weihnachtsfeier, der Gänsebraten, das Krippenspiel und so vieles mehr, was sich zur Weihnachtszeit oft in den Vordergrund drängt –

wenn man die Menschen fragt, was passieren muss, damit für sie der Zauber der Heiligen Nacht aufleuchtet, dann spielen diese Äusserlichkeiten interessanterweise keine Rolle mehr, sondern dann erzählen sie von Ruhe und Frieden, von Licht und Hoffnung, von Freundschaft und Liebe: das bewegt uns an Weihnachten – auch und gerade in diesem Jahr. Und selbst die Geschenke, eigentlich stehen auch sie für etwas ganz anderes. Eigentlich möchten wir unseren Lieben mit ihnen sagen: Du bist für mich ein solcher Reichtum, du bist für mich ein solches Glück. Nicht, dass ich dir etwas schenke, das ist das Unwesentliche, aber dass es dich gibt, das ist ein wunderbares Geschenk. Es ist so viel schwerer, aber auch so viel kostbarer, das einander offen zu sagen, als einander kostbare Geschenke zu überreichen. Aber wenn wir uns das trauen, dann beschenken wir einander wirklich – und werden frei.

Weihnachten findet trotzdem statt! – Gerade jetzt! Befreit von so vielem, was dieses stille Fest oft übertönt, werden wir in diesem Jahr zurückgeworfen auf das Wesentliche, nämlich auf das Kind in der Krippe, auf das Kommen Gottes in diese Welt, auf das Licht, das unsere Dunkelheit erhellt. Und dieses göttliche Licht, es überwindet allen Hass und allen Streit, es nimmt uns unsere Angst und unsere Verzweiflung, es tröstet angesichts von Krankheit und Tod. Trotz dunkler Wolken am Horizont, trotz begründeter Sorge erkennen wir in diesem weihnachtlichen Licht die Zeichen, die uns Grund geben, weiter zu hoffen und weiter zu lieben. Und werden selber zu Zeichen, die anderen Grund zur Hoffnung und zur Liebe geben.

Das Volk, das im Finstern wandelt, sieht ein großes Licht, und über denen, die da wohnen im finstern Lande, scheint es hell. Denn ein Kind ist uns geboren, ein Sohn ist uns gegeben, …

Weil Gott in diese Welt gekommen ist, weil sein Licht unsere Dunkelheit erhellt, darum können wir die Welt dauerhaft in einem anderen Licht sehen: Im Licht der Heiligen Nacht!